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Währschaft und gluschtig

Einfach ist es allemal, sich in der Schweiz satt zu essen. Gasthäuser gibt es reichlich. Und die meisten sind, verglichen mit dem internationalen Standard, mehr als gut. Doch genau da beginnt die Schwierigkeit. Reisende haben wohl in keinem Land der Welt so sehr die Qual der Wahl. Gar nicht einfach also, den richtigen Platz zu finden, an dem man sich in der Schweiz satt essen mag. Was für die Sprachen und das Wetter gilt - dass die Schweiz so etwas wie ein Europa im Kleinen ist -, muss man auch als Maßstab für Essen und Trinken ansetzen. Gerade an den Grenzen gibt es die Einflüsse aus den Nachbarländern. Aber: Was die Schweizer daraus machen, ist und bleibt einzigartig. Der Platz reicht hier bei weitem nicht aus, um auch nur annähernd allen besuchenswerten Wirtschaften gerecht zu werden, denn nach dem bekannten Schweizer Gastrokritiker Beat Wüthrich hat jeder Kanton mindestens ein Spitzenlokal der Nobelklasse.

Wer jedoch nicht gleich ein Riesenloch in seine Reisekasse bekommen möchte, wird in einfacheren Gasthäusern den Spezialitäten des Landes nachspüren.

Nach wie vor stehen Schweizer nämlich auf »währschaftes« (einfaches) Essen: Es muss den Magen füllen, einfach in der Zubereitung sein und darf nicht allzu viel kosten. Zum Beispiel eine Rösti mit Bratwurst oder Spiegelei oder Älpler Maggronen (Makkaroni) mit Apfelmus zum Mittagessen. Sehr beliebt in der ganzen Schweiz sind nach einer Wanderung oder dem Sonntagsspazierung Z'Vieri-Plättli (Vier-Uhr-Teller) oder ein Wurst- oder Thonsalat (Thunfischsalat) mit einer Unmenge Zwiebeln. Am besten schmecken die Z'Vieri-Plättli in einer der vielen Berg- oder Ausflugsgaststätten. Käse (meist Greyerzer, Emmentaler, Appenzeller, Hobelkäse oder ein Alpkäse), Trockenfleisch, Speck und Butter werden auf einem Holzteller zusammen mit Brot serviert. »Gluschtig« oder »aamächelig« (verlockend) muss der Teller schon aussehen, und das Brot sollte »chüschtig« (schmackhaft) sein. Dazu trinkt man Rot- oder Weißwein aus der jeweiligen Gegend. Das Angebot an Schweizer Weinen, die man in »Dezi« (0,1 l) bestellt (ein, drei oder fünf Dezi), ist groß. Aus dem Wallis kommen Petite Arvine, Fendant und Johannisberg als Weiß-, Dôle und Humagne rouge als Rotweine. Das Waadtland liefert Féchy, Vinzel und Dézaley als Weiß-, Salvagnin und Pinot Noir als Rotweine. Vom Neuenburger See gibt es Chardonnay, Chasselas, Pinot blanc und Neuchâtel als Weiß-, Pinot Noir als Rot- und Oeil de Perdrix als Rosé, vom Genfer See Chasselas als Weiß- und Gamay als Rotwein. Und im Tessin findet man einen sehr guten weißen und roten Merlot. Nicht zu vergessen die Weine aus Aargau, Graubünden, Schaffhausen, St. Gallen, Thurgau und Zürich. In diesen Gegenden wird vor allem Riesling-Sylvaner (Weißwein) und Blauburgunder (Rotwein) produziert.

Einen Sonderstatus als Hauptgerichte nehmen Käsefondue und Raclette ein. Oft ist das gesellige Beisammensein dabei wichtiger als das Essen selbst. Für ein gutes Fondue braucht es Käse - mindestens zwei verschiedene Sorten -, Knoblauch und Weißwein. Das caquelon, wie die bauchige Fonduepfanne heißt, wird auf dem Rechaud mitten auf den Tisch gestellt. Mit einem gabelartigen Spieß taucht man die Brotstücke in die heiße Käsesuppe. Achtung: Wer ein Brotstück verliert, wird nicht ausgepeitscht, wie im Band »Asterix bei den Schweizern« beschrieben, sondern muss etwas spendieren! Das kann ein Kuss, ein Schnaps oder eine Runde Wein sein. Das bekannteste Fondue in der Schweiz ist das moitié-moitié (halb Greyerzer, halb Vacherin). Zu einem Fondue und einem Raclette trinkt man spritzigen Weißwein oder schwarzen Tee. Einfacher in der Zubereitung ist das Raclette. Der Raclettekäse aus dem Wallis wird mit Hilfe eines Tischgrills geschmolzen und dann Schicht für Schicht abgeschabt. Dazu werden Pellkartoffeln und Salzgurken und Silberzwiebeln gereicht. Ein Gläschen Kirsch nach den beiden Käsegerichten hilft beim Verdauen.

Wer Desserts mag, ist in der Schweiz selbstverständlich auch am richtigen Platz. Torten gibt es in allen Variationen, Teig-, Frucht- und Nussmischungen. Drei besondere seien herausgehoben, weil sie in der ganzen Welt einen Namen haben: die Engadiner Nusstorte, die Rüeblitorte aus dem Aargau aus geriebenen Karotten und Haselnüssen, Eiern, Zimt und Zucker sowie die Zuger Kirschtorte aus Buttercreme, Biskuit und einem Japonaisboden von geschlagenem Eiweiß.

Wer nach dem Essen einen Digestif braucht, muss auch in der Schweiz nicht auf einen Schnaps verzichten. Neben dem bereits erwähnten Zuger Kirschwasser, das besonders weich ist, wenn es wenigstens zwölf Jahre gelagert wird, kredenzt man Pflümli oder Pruneau, das Zwetschgenwasser, Le Bon Père William, den Williamsbirnenschnaps, oder ein Eau-de-vie de Pommes, einen klaren Geist vom Gravensteiner Apfel. Eine besondere Spezialität sei hier noch verraten: Probieren Sie einmal einen Kafi fertig oder Kafi Lutz: heißer, dünner Kaffee mit viel Zucker und viel Kirsch, Pflümli, Zwetschgen- oder Kräuterschnaps.

Wenn dann die Kellnerin, die in der Schweiz Serviertochter heißt, kommt und fragt: »Sind Sie bedient?«, dann heißt das so viel wie: »Haben Sie noch einen Wunsch?« Doch den haben Sie nach so viel Üppigkeit kaum noch.

© Marco Polo
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