Äpfel und Fische oder Arbeitsplätze - über kaum ein anderes Thema wurde in den letzten Jahren so erbittert gestritten wie über das Millionenprojekt der Airbusindustrie auf der Südseite der Elbe. Auf dem riesigen Gelände wird ein Teil des größten Zivilflugzeugs der Welt, des Airbus A 380, montiert. An die 10 000 Menschen arbeiten heute hier, 700 Mio. Euro Investitionen tätigte Hamburg bisher für das Prestigeobjekt. Das einstige Naturidyll Mühlenberger Loch ist zu einem Drittel zugeschüttet, und das Dorf Neuenfelde im Alten Land sieht sich durch die Verlängerung der Startbahn in seiner Existenz bedroht, ebenso die alte Dorfkirche mit ihrer kostbaren Arp-Schnitger-Orgel. Was am Ende wirklich zählt? In zehn Jahren wissen wir mehr...
Jahrzehntelang geschah nicht viel Aufregendes: Es wurde abgerissen und wieder aufgebaut, mal im klassisch-roten Backstein, mal mit viel Glas und Stahl. Doch seit einigen Jahren mausert sich Hamburg zum Spielplatz experimentierfreudiger Bauherren und Architekten. Zu sehen ist dies z. B. am Elbberg-Campus an der Großen Elbstraße, am ABC-Bogen in der City oder auf dem umgewidmeten Gelände beim Alten Gaswerk in Bahrenfeld. Auch im Kleinen gibt es viel Neues: so das Gemeindehaus der St. Nikolai-Kirche in Harvestehude von Carsten Roth oder der schneeweiße Bau der Reederei Rickmers am Alsterufer 26 von Richard Meier. Die größte Herausforderung für Bauherren und Stadtplaner ist die Bebauung des Hafenrandes und der Hafencity. Architekten aus aller Welt haben sich rund um Sandtor- und Dalmannkai verewigt. Jeden Monat wird ein neues Haus fertig. Mit der geplanten Elbphilharmonie auf dem Kaispeicher A soll Hamburg ein neues Wahrzeichen bekommen. Fachkundige Führungen zu diesem Thema (gut für Gruppen) bietet A-Tour.
Das größte Geschäft machten Hamburger Reeder zwischen 1850 und 1934 mit den Menschen, die Europa bettelarm den Rücken kehrten. 5 Mio. wanderten über Hamburg aus. Die Hamburg-Amerikanische Paketfahrt-Aktiengesellschaft, HAPAG, stieg damals zur größten Schifffahrtsgesellschaft auf. Der Wahlspruch des Direktors Albert Ballin war das Letzte, was die Emigranten in der Abfertigungshalle auf der Veddel zu sehen bekamen: »Mein Feld ist die Welt.« 80 Prozent gingen in die USA, der Rest nach Südamerika, Kanada, Afrika oder Australien. Wenn die Sponsorengelder wie geplant fließen, öffnet 2007 mit der Ballinstadt auf der Veddel ein Auswanderermuseum.
Tonnen feinsten, weißen Sandes, Palmen, Dünen, Strandbars, ein Pool, karibische Klänge und die unvermeidliche Caipirinha - wo man das alles findet? Klar, an der Costa Hamburga. Im Supersommer 2003 entstand an der Großen Elbstraße 134 der erste Beach-Club, der Hamburger City Beach Club (HCBC) - ein Erfolg ohnegleichen, Glücklich durfte sich schätzen, wer einen Liegestuhl abbekam. Es folgten weitere, mit schönen Namen wie Lago Bay oder Strand Pauli. Im Herbst hat der Spaß ein Ende: Sand, Schirme und Strandhütten verschwinden in Plastiksäcken. Ostern geht's dann wieder los. Wer denkt, da sei es noch zu kalt in Hamburg, kennt die Hanseaten nicht: Wozu gibt's Wolldecken und Strandfackeln?
»Stern«-Herausgeber Henri Nannen fuhr 1983 mit seinem Verleger nach Hause, als ihnen vom Balkon einer Villa an der Elbchaussee der Reporter Gerd Heidemann zuwinkte. Nannen schwante Böses: »Der bescheißt uns.« Womit er Recht behalten sollte: Ein paar Millionen für den Ankauf der gefälschten Hitler-Tagebücher hatte Heidemann in die eigene Tasche gesteckt. Wie hätte er sich Hamburgs teuerste Straße anders leisten können? Man fragt sich das häufig beim Anblick der Immobilien zwischen Altona und Blankenese. Diskret versteckt oder protzig vorgedrängt, reiht sich ein Nobelobjekt ans nächste. Wo mal ein Grundstück frei wird, werden Millionärssilos gleich im Viererpack hoch gezogen. Und wofür? 40 000 Autos am Tag, Blick aufs Airbusgelände, Flugzeuge über der Terrasse. Wilhelm von Humboldt blickte einst vom Geestrücken noch in ein »Elysium«. Handelsbarone wie Caspar von Voght hatten den Elbhang nach englischem Vorbild in eine Parklandschaft verwandelt. Man fuhr vierspännig vor seinen Landsitzen vor, lebte auf großem Fuß. Nicht allzu viel davon ist geblieben: eine Handvoll Parks in städtischem Besitz, alter Baumbestand - und natürlich die Adresse: Elbchaussee.
Als erste kickten die Schüler der ehrwürdigen Gelehrtenschule Johanneum mit dem aus England importieren Foot-Ball. Das war 1870. 1887 gründeten der Hohenfelder Sportclub und der Wandsbek-Marienthaler Sportclub den Sport-Club Germania, einen der drei Stammvereine des Hamburger Sport-Vereins (HSV), der 1919 durch den Zusammenschluss mit dem Hamburger FC und dem FC Falke 1906 zu seinem heutigen Namen kam. Das Team im Zeichen der blau-weiß-schwarzen Raute trägt seine Heimspiele in der AOL-Arena in Stellingen aus - und ist als einzige Mannschaft seit Gründung der Bundesliga ununterbrochen in der höchsten Spielklasse dabei. Der freche, kleine Bruder ist jünger: Der FC St. Pauli gründete sich 1910, spielt am Millerntor und hofft auf den Aufstieg in die zweite Liga. Die Fangemeinde trägt braun-weiß und lässt sich durch nichts erschüttern.
Alle Jahre wieder wird er am 7. Mai bzw. dem nächstgelegenen Wochenende gefeiert. An diesem Tag im Jahre 1189 soll Kaiser Barbarossa dem Grafen Adolph von Schauenburg ein Privileg verliehen haben. Zollfrei durften die Hamburger fortan alle Waren auf der Unterelbe befördern. Ein Vertrag, der bestenfalls per Handschlag besiegelt wurde. Barbarossa war längst auf dem Kreuzzug nach Palästina. Er kam nicht mehr zurück. Das später aufgesetzte Dokument ist eine Fälschung.
Bis zum Mauerfall nannte Hamburg sich zu Recht deutsche Medienhauptstadt. Verlage wie Gruner+ Jahr, Springer, Bauer und Jahreszeiten haben zwar noch ihren Hauptsitz an der Elbe, auch die Buchverlage Hoffmann & Campe sowie Rowohlt im Vorort Reinbek. Der NDR produziert Tagesschau und Tagesthemen. Im privaten Studio Hamburg entstehen Serien. Ein Dutzend der wichtigsten Werbeagenturen betrachtet Hamburg noch als kreatives Standbein. Aber der Sog nach Berlin ist immer noch zu spüren.
Sammelbegriff für den Typ des knickerigen Hamburger Kaufmanns: reich, hartherzig, ohne Verstand für alles, was nicht mit Geld zu tun hat. Heinrich Heine, dessen Onkel Salomon ein echter Pfeffersack war, bescheinigte ihm »die ganze Anmut einer Preisliste, die Liebenswürdigkeit einer Rechnung, ja, die Artigkeit eines Frachtbriefes«. Das hinderte ihn aber nicht daran, Salomon Heines Schecks anzunehmen.


