Dresden beeindruckt mit Baudenkmälern, mit Kunst und Kultur. Doch es ist die Elbe, die das Lebensgefühl bestimmt. In weiten Bögen windet sie sich durch die Stadt, vorbei an Schlössern, Weinbergen und Biergärten, gesäumt von breiten Wiesen, wie man sie in keiner anderen europäischen Großstadt mehr findet. Die Dresdner lieben ihre Elbe, in guten wie in schlechten Zeiten. An ihren Ufern trifft man sich zu Picknick und Lagerfeuer, zu Elbhangfest und Openairkino. Eine Dampferfahrt oder eine Tour auf dem Elberadweg sind ganz besondere Erlebnisse - zu (fast) jeder Jahreszeit. Dank steigender Wasserqualität wagen sich außerdem nicht nur an offiziellen Elbebadetagen immer mehr Mutige in die Fluten - und haben dabei sogar wieder Gesellschaft von Elbebiber, Fischotter und Elblachs. Das Rekordhochwasser im August 2002 tragen die Dresdner der Elbe nicht nach. Nach der Beseitigung der Schäden überwiegen Respekt vor der Macht der Natur und Stolz: auf die Elbwiesen, die die Stadt als natürlicher Überflutungsraum vor noch Schlimmerem bewahrt haben - und auf den in der Krise wieder erwachten Gemeinschaftssinn.
Die größte Katastrophe seiner Geschichte erlebte Dresden, als britische und amerikanische Bomber in der Nacht des 13. Februar 1945 und am Mittag des darauffolgenden Tages, eines Aschermittwochs, ihre todbringende Last über der Stadt ausklinkten. In einem gewaltigen Feuersturm wurde nahezu die gesamte Innenstadt zerstört, 35 000 Menschen starben. Keiner hätte damals geglaubt, dass aus dem Trümmerfeld jemals wieder ein Ort erstehen könnte, der den Beinamen »Elbflorenz« verdiente. Doch die Dresdner gaben ihre Stadt nicht auf. Schon am 10. Juli 1945 öffnete das »Interimstheater Dresdner Bühnen« in der Glacisstraße seine Pforten, mit Erich Ponto als »Nathan der Weise«. Der im August 1945 begonnene Wiederaufbau des für die Identität der Stadt so wichtigen Zwingers dauerte 20 Jahre. Die ebenfalls zerstörte Semperoper wurde nach achtjähriger Bauzeit am 13. Februar 1985 wieder eröffnet. Die erstaunlichste Wiedergeburt aber erlebte die Frauenkirche. Ihre Ruine war als Mahnmal gegen den Krieg zum Symbol der Friedensbewegung geworden, weshalb längst nicht alle Dresdner den Wiederaufbau begrüßten. Während der zehnjährigen Bauzeit entwickelte sich die Frauenkirche jedoch nicht nur zum Sinnbild ostdeutschen Aufbauwillens und Dresdner Bürgerstolzes, sondern durch das Zusammenwirken von Menschen aus der ganzen Welt zu einem eindrucksvollen Zeichen der Versöhnung.
Mit der politischen Wende erlebte die Stadt einen weiteren Neuanfang. Am 8. Oktober 1989 hatten Dresdner Bürger in friedlichem Protest den DDR-weit ersten Dialog mit der Staatsmacht ertrotzt, der schließlich das Ende eines ganzen Systems einläutete.
1748 schuf der venezianische Maler Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, mit seinem Panorama »Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke« eine der berühmtesten Dresden-Ansichten überhaupt. In natura gibt es den »Canalettoblick« vom Garten des Hotels Bellevue, in Öl auf Leinwand in der Gemäldegalerie Alte Meister. Deren Bilder, wie auch die meisten anderen Schätze der Dresdner Museen, überstanden die Kriegswirren und kehrten nach Auslagerung sowie Beschlagnahme durch die Rote Armee ab Mitte der 1950er-Jahre an die Elbe zurück. Dass die zwölf Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden heute zu den bedeutendsten der Welt zählen, ist zuallererst dem Kunstsinn und der Repräsentationssucht der einstigen sächsischen Herrscher zu verdanken. Den nachhaltigsten Eindruck hinterließ Friedrich August I., Kurfürst von Sachsen und als August II. zudem König von Polen, besser bekannt als »August der Starke«. Man sagt ihm nach, dass er mit bloßen Händen Hufeisen verbiegen konnte und auch sonst gut bei Kräften war. Neben seinem einzigen legitimen Sohn und Nachfolger, ein Schöngeist und Kunstsammler wie sein Vater, soll er zahlreiche weitere Kinder gezeugt haben - die Zahlen schwanken zwischen 9 und 365. Der Kurfürst galt als ausschweifend und machtbesessen, vor allem aber machte er - ein Mann von Bildung und Kultur - aus Dresden eine Residenz von europäischem Format, begründete ihren Ruf als Kunstund Kulturstadt. Nur allzu verständlich ist deshalb der Wunsch, der Glanz des »sächsischen Sonnenkönigs« möge auch die Gegenwart erhellen. So tragen heute Ausflugsschiffe und Wohnparks, Eisbecher und gar eine Fliegerschule den Namen Augusts des Starken.
Die musikalische Tradition hat dagegen ihre Ursprünge lange vor Augusts Zeit. Der Kreuzchor existiert seit dem 13. Jh., die Staatskapelle seit 1548. In der Dresdner Operngeschichte finden sich Namen wie Carl Maria von Weber, Richard Wagner und Richard Strauss.
Die allermeisten Touristen erleben ein Dresden zwischen »Sixtinischer Madonna« und »Ring des Nibelungen«, verlassen das weniger als einen Quadratkilometer große Kulturquartier zwischen Zwinger, Semperoper und Frauenkirche nicht. Wer sich über den Gürtel aus Nachkriegsbauten und Brachflächen, der die historische Altstadt umgibt, hinauswagt, ist nicht selten erstaunt über das »andere« Dresden, seine Vielfalt und Lebendigkeit. In der rechtselbischen Inneren Neustadt etwa trifft man auf barocke Bürgerhäuser und charmante Einkaufspassagen. Ein Stück weiter beginnt jenseits der Bautzner Straße die Äußere Neustadt. In dem von Kriegszerstörungen verschonten Gründerzeitviertel hatte sich schon zu DDR-Zeiten eine aufmüpfige Alternativkultur entwickelt, wird seit 1990 jeden Sommer für drei Tage die »Bunte Republik Neustadt« ausgerufen. »Die Neustadt« ist Dresdens lebendigster Stadtteil, als Wohnadresse beliebt bei Studenten, Künstlern und Lebenskünstlern. Ständig öffnen neue Kneipen, Cafés und Bars. Ein Drittel der rund 50 Galerien der Stadt ist hier ebenso zu Hause wie Dresdens traditionsreiches Cineastenkino Schauburg. Hostels beherbergen junge Gäste aus aller Welt, und in den Clubs spielen Bands und DJs bis in den frühen Morgen.
Dresden ist aber auch ein ideales Reiseziel für Romantiker. Der Große Garten lädt zum Spazieren oder zu einer Bootstour auf dem Carolasee ein. In der Blasewitzer Goetheallee und auf dem Weißen Hirsch kann man mondäne Villen bestaunen, vom Luisenhof bei Kaffee und Kuchen die Aussicht genießen. Der Weg zum Schloss Pillnitz - einem der romantischsten Plätze Dresdens überhaupt - führt vorbei an alten Dorfkernen und üppigen Gärten. Entlang der Elbe offerieren zahlreiche Restaurants und Biergärten regionale Spezialitäten: Sauerbraten, Quarkkeulchen und natürlich Radeberger Pilsner und sächsischen Wein. Den Ausblick auf den Fluss und die vorbeiziehenden Dampfer gibt's gratis dazu.
Und dann ist da noch das Umland. Mit der Sächsischen Schweiz liegt eine der aufregendsten Landschaften Deutschlands direkt vor der Haustür. Im Umkreis von weniger als einer Autostunde findet man einzigartige Schlösser und Burgen, und die Sächsische Weinstraße führt durch das Elbtal von Dresden über Radebeul und Meißen bis nach Diesbar-Seußlitz.
Bei aller sächsischen Gemütlichkeit ist Dresden jedoch auch eine Stadt, in der Zukunftsvisionen und Erfindungsreichum Tradition haben: Das europäische Porzellan, Kaffeefilter, Büstenhalter und Zahnpastatube, Reiseschreibmaschine und Teebeutel, die erste deutsche Dampflokomotive und die Spiegelreflexkamera sind »made in Dresden«. Heute ist die Hauptstadt des Freistaats Sachsen einer der bedeutendsten Mikroelektronik- und Biotechstandorte Deutschlands. Für Nachschub an qualifiziertem Personal sorgt u. a. die traditionsreiche Technische Universität. Die Arbeitslosenquote liegt in Dresden bei 14 bis 15 Prozent und damit weit unter der vergleichbarer ostdeutscher Großstädte. Anders als die meisten Kommunen im Osten der Republik leidet man auch nicht unter überproportionaler Abwanderung. Die Einwohnerzahl steht konstant bei knapp einer halben Million und wird eher leicht steigen.
Die sächsische Landeshauptstadt bereitet sich auf ihr 800-jähriges Jubiläum 2006 vor - Baustellen wohin man sieht. Dass es moderne Architektur hier nicht immer leicht hat, liegt wohl an der Liebe der Einheimischen zu den Resten des alten Dresdens. Und an den schlechten Erfahrungen der letzten 60 Jahre: Dem sozialistischen Plattenbau-Einerlei folgte nach der Wende manch gesichtsloser Neubau. Und so ist auch das umfangreichste innerstädtische Bauvorhaben, die Gestaltung des Neumarkts, vom Richtungsstreit »Tradition gegen Moderne« bestimmt.
Dresden lebt von und mit seinen Gegensätzen. Wer sich Zeit nimmt für diese Stadt, sich auf ihren Rhythmus einlässt, versteht, warum die Dresdner derart glühende Lokalpatrioten sind. Freundliche Neugier vorausgesetzt, kommt man - egal ob in der Straßenbahn oder beim Wein - schnell ins Gespräch. Und neben unbezahlbaren Expertentipps gibt's bisweilen ganze Lebensgeschichten und Großmutters Schmorgurkenrezept als Zugabe.


